9. November 2015: Gedenkfeier auf dem Weinhof



Bei 15°C hat unsere jährliche Gedenkfeier zum 9. November noch nie stattgefunden. Auch dieses Jahr waren etwa 300 Ulmer auf den Weinhof gekommen, mit Blick auf die Neue Synagoge und auf den Davidstern aus 212 Kerzen, die die Namen der 212 Ulmer Opfer der Shoa trugen.

Martin Tränkle, Vorsitzender der DIG Ulm/Neu-Ulm, rief die schlimmen Ereignisse der Reichspogromnacht 1938 in Erinnerung zurück und wies  auf den wieder erstarkenden Antisemitismus hin. Gleichzeitig schlug er den Bogen zwischen den jüdischen Verfolgten im 3. Reich und den heute Verfolgten, die als Flüchtlinge vor allem aus Syrien bei uns Schutz suchen. Diesen Gedanken nahm Oberbürgermeister und Schirmherr Ivo Gönner auf. Eindringlich rief er die Anwesenden auf, nein zu sagen gegen jede Art von Fremdenhass und sich stattdessen um Hilfe und Integration der heutigen Flüchtlinge zu bemühen – jeder und jede dort, wo es ihm/ihr möglich ist. Gönners Apell schien eindringlicher als in den Jahren zuvor, denn es war seine letzte Rede als Oberbürgermeister. Doch er versicherte, dass die Stadt Ulm auch in Zukunft unsere DIG-Veranstaltung tatkräftig und finanziell unterstützen würde.

In diesem Jahr umrahmten Schülerinnen und Schüler des Anna-Essinger-Gymnasiums - hier bei der Probe vor der Synagoge - die Feierstunde. Es war schön zu sehen, wie viele Jugendliche und auch LehrerInnen einbezogen waren. Sie umrahmten die Veranstaltung musikalisch, und die älteren verlasen die Namen der 212 ermordeten Ulmer Juden. Am Ende sprach zum ersten Mal ein Mitglied der jüdischen Gemeinde, Michail Gaster,  das Kaddisch, denn Rabbiner Trebnik war in New York. Danke an ihn, an die Schülerinnen und Schüler des Anna-Essinger-Gymnasiums und an alle, die zur Gedenkveranstaltung gekommen sind.

5. November 2015: Lesung in der Synagoge



Frau von Treuenfeld kam schon zum zweiten Mal aus Berlin nach Ulm. Dieses Mal las sie aus ihrem neuen Buch: "Zurück in das Land, das uns töten wollte - Jüdische Remigrantinnen erzählen ihr Leben."

Das Schicksal dieser Frauen, die aus verschiedenen Gründen nach ihrer Flucht aus Hitler-Deutschland über Shanghai, Israel, der Schweiz und vielen anderen Ländern nach dem Krieg wieder nach Deutschland zurückkehrten, bewegten die über 20 BesucherInnen in der Synagoge sehr. Meist entschlossen sich die jüdischen Frauen, erst gegen große Widerstände ihrer Verwandten und Nachbarn, nach Deutschland, "in das Land, das sie töten wollte", wieder einzuwandern. Einige hatten in Israel das Klima nicht vertragen, andere fanden keine berufliche Zukunft, aber ihre Verbindung mit der deutschen Sprache und Kultur war noch immer groß.

Doch wirklich glücklich wurden sie in der neu-alten "Heimat" oft nicht. Aber das Erzählen ihres Lebens im hohen Alter - einer nachgeborenen deutschen Journalistin - war eine Art Befreiung für sie. Und die empathisch mitfühlende Autorin fand meist bald ihr Vertrauen.

Es war ein Abend, der tiefes Verständnis für die Geflüchteten weckte, nicht nur für die aus Nazi-Deutschland, sondern auch für die heutigen Flüchtlinge, ganz besonders für die vielen, die jetzt auf der Flucht vor Krieg, vor den Folterkellern des Assad-Regimes und vor den Brutalitäten und Vergewaltigungen des IS aus Syrien kommen.