26. Juli 2014: DIG-Ausfahrt nach Esslingen




Unsere diesjährige Fahrt führte uns in die wunderschöne mittelalterliche Stadt Esslingen, in der uns das jüdische Leben besonders interessierte. Vom 13. bis 16. Jh. trugen jüdische Kauf- und Handelsleute zu der zeitweise großen wirtschaftlichen Blüte der Stadt bei. Unser Stadtführer zeigte uns Fotos von prächtig illustrierten jüdischen Gebetbüchern, die wichtige Zeugen der damaligen Bedeutung der jüdischen Gemeinde sind. Doch die Zeit des relativ ungestörten Zusammenlebens von Christen und Juden währte nicht lange. Während der Pestzeit kam es auch in Esslingen zu Ausschreitungen gegen Juden. Sie flohen am 27. Dezember 1348 in ihre Synagoge am heutigen Hafenmarkt und kamen in den Flammen des von ihren Verfolgern angezündeten Gotteshauses ums Leben.
 
Nur wenige Juden lebten bis zum 19. Jh. in Esslingen. Dann aber nahm König Friedrich zur Belebung der wirtschaftlichen Entwicklung Esslingens mehrere jüdische Familien auf. In den folgenden Jahrzehnten leisteten jüdische Gewerbetreibende und Fabrikanten große Beiträge beim Aufbau Esslingens zu einer wichtigen Industriestadt Württembergs. Exemplarisch kann die Handschuhfabrik Firma Jeitteles genannt werden, die1880 130 Arbeiter beschäftigte.  Ihre Waren wurden in die ganze Welt exportiert. Überregionale Bedeutung erhielt Esslingen auch durch die am Lehrerseminar seit 1820 durchgeführte Ausbildung auch der jüdischen Lehrer ganz Württembergs und durch die 1842 erfolgte Gründung des Israelitischen Waisenhauses Wilhelmspflege. Dieses war bis zur zwangsweisen Schließung in der NS-Zeit 1939, zuletzt unter dem Hausvater Theodor Rothschild, eine zentrale soziale Einrichtung der jüdischen Gemeinden ganz Württembergs. Das jüdische Gemeindezentrum mit Betsaal (Synagoge), Religionsschule und Lehrerwohnung konnte 1819 in einem mittelalterlichen Fachwerkhaus eingerichtet werden.
 

Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 kam es innerhalb weniger Jahre zum Ende der jüdischen Gemeinde. Auch in Esslingen wurde die Synagoge geschändet, die Inneneinrichtung zerstört und verbrannt. Zu schrecklichen Szenen kam es beim Überfall von Nationalsozialisten auf das Israelitische Waisenhaus. Mindestens 38 jüdische Esslinger, dazu viele Kinder des Waisenhauses kamen nach den Deportationen auf furchtbare Weise ums Leben, darunter Theodor Rothschild im Ghetto Theresienstadt.


Heute leben  in Esslingen wieder rund 300  Juden. Sie  sind dabei, die ehemalige Synagoge, wieder vollständig zu renovieren. Als Betsaal  wird sie am Shabbat bereits regelmäßig genutzt, weshalb wir sie nur von außen bestaunen konnten.

14. Juli 2014: Ulrich W. Sahm in Ulm




Knapp 200 Menschen waren um 19.30 Uhr ins jüdische Gemeindezentrum Ulm gekommen, um Ulrich Sahms Vortrag über die aktuelle Situation in Israel/Palästina zu hören, die er als Krieg bezeichnet.

Herr Sahm, der seit Mitte der 70iger Jahre in Jerusalem lebt und von dort als Nahostkorrespondent für verschiedene österreichische, Schweizer und deutsche Medien arbeitet, schaltete während seines Vortrags sein Handy nicht ab, aus Sorge um seine Familie in Israel und um ständig neueste Meldungen zu erhalten. So ist es verständlich, dass Sahm vor allem das Empfinden der Israelis ins Zentrum stellte, ihre Gefühle und Ängste bei der ständigen Bedrohung durch die Hamas, die auch vor der momentanen Eskalation nie aufhörte, Israel mit Raketen zu beschießen.

Schnell war klar, dass dies kein "normaler" Vortrag werden würde. Herr Sahm begann seine Ausführungen mit der Bemerkung, dass in Deutschland immer Fragen nach Lösungen im Vordergrund stünden, es aber seiner Meinung nach keine Lösungen gäbe. Dies führte er mit vielen Beispielen aus. Und er hielt den Vortrag informativ, kompetent und kurz, denn er wollte mit dem Publikum ins Gespräch kommen.
Gleich zu Beginn lud er das Publikum ein,  Fragen zu stellen, explizit auch kritische.
Und die kamen dann auch: Sahm habe die Situation einseitig dargestellt, Israel unterstütze den Siedlungsbau in Palästina, der Hauptursache des Konflikts sei... In seinen Antworten bestätigte Herr Sahm diejenigen, die die  israelische  Regierungspolitik befürworten. Er machte auch eindringlich deutlich, wie tief das Trauma des Holocaust alle Israelis bis heute beeinflusst. In jüdischen Familien aus Europa fehlt die (Ur)großelterngeneration fast vollständig. Dass sich ein Holocaust nie wiederholen kann - dafür sind fast alle Israelis bereit zu kämpfen. Und die Angst vor der Hamas hat ihre Wurzel im Holocaust, so Sahm.
Leider versäumte es  Herr Sahm aber, die anderen im Publikum ernst zu nehmen. Hier hätte man sich mehr Gelassenheit gewünscht, doch man spürte Sahms emotionale Aufgewühltheit als in Israel lebender Deutscher. Wer sich  eine Vision für eine gemeinsame Zukunft zwischen Israelis und Palästinensern erhofft hatte, wurde enttäuscht. Denn Herr Sahm fühlt sich als Realist und lebt seit vielen Jahren mit dem Nahostkonflikt. Als Erklärungsversuch zog er Vergleiche mit dem Fall der deutschen Mauer, die von außen herbeigeführt wurde, und der Tatsache, dass in Europa bis heute kein Friedensvertrag existiert, aber die Völker ohne Kriege zusammen leben. So, meinte er, könnte es auch in Israel/Palästina gelingen.  Doch den Begriff  "Frieden" verwendete Herr Sahm nicht.