27. Januar 2013

Wie in vielen Städten Deutschlands fanden auch in Ulm am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des KZ Auschwitz, Veranstaltungen statt. Getragen wurden sie von einem breiten Bündnis, in dem auch die Deutsch-Israelische Gesellschaft Ulm/Neu-Ulm und das Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg mitarbeiteten. Hier, in der KZ-Gedenkstätte Oberer Kuhberg, trafen sich um 14.30 rund 100 Menschen zu einer Gedenkfeier, in der Leiterin Nicola Wenge besonders  über die Anfänge des Nationalsozialismus sprach und an die hunderte hier ermordeten Inhaftierten erinnerte. Um 20 Uhr fand im Stadthaus eine weitere Veranstaltung mit dem Thema Ulm im Jahr 1933 - der kurze Weg in die Diktatur statt. Prof. Dr. Andreas Wirsching, Leiter des Instituts für Zeitgeschichte München, führte mit einem Vortrag ein. Danach rezitierten die Schauspieler Svenja Dobberstein und Karl Glaser private Briefe, Zeitungsannoncen, Propagandaberichte und Lebenserinnerungen, zu denen Bilder gezeigt wurden. 




DIG-Interview im Katholischen Kirchenblatt


Harry Erath interviewte unseren Vorsitzenden Martin Tränkle für das Katholische Kirchenblatt Ulm. Das Interview erschien in der Januarausgabe:

Martin Tränkle ist evangelischer Pfarrer und war 30 Jahre in Ulm tätig: als Gemeindepfarrer in Söflingen und 13 Jahre als Klinikpfarrer. Seit sechs Jahren lebt er im Ruhestand.
Darüber hinaus ist er seit vielen Jahren in der „Deutsch-Israelischen Gesellschaft (Ulm)“ engagiert, seit drei Jahren ist er ihr Erster Vorsitzender.

K.B.: Herr Tränkle, Sie sind Vorsitzender der „Deutsch-Israelischen Gesellschaft“ in Ulm; worin besteht die Arbeit dieser Gesellschaft, was sind ihre Ziele?
Tränkle: Zunächst wollen wir ganz allgemein das Verständnis zwischen Deutschland und Israel, auch zwischen Judentum und Christentum fördern, Kontakte knüpfen und Begegnungen ermöglichen.
Dazu veranstalten wir seit nunmehr 20 Jahren die Gedenkfeier auf dem Weinhof am 9. November.
Außerdem organisieren wir Fahrten, Konzerte und Vorträge. Zum Beispiel haben wir bereits acht Mal die so genannten „Thora-Lernwochen“ veranstaltet, bei denen uns Lehrer aus Israel hier besuchen, um in mehrtätigen Seminaren die jüdische Auslegung der Bibel, der Thora nahe zu bringen. Vom 8.-11.7.2013 ist wieder eine solche Lernwoche„Soziale Gebote in der Thora“ im Haus der Begegnung und in der Synagoge.

K.B: Sie waren auch Gast bei der feierlichen Eröffnung der Neuen Synagoge in Ulm am 2.Dezember. Mit welchen Empfindungen haben Sie den Festakt erlebt?
Tränkle: Schon vor 10 Jahren haben wir in ökumenischer Aktion ungefähr 30.000 Euro für eine Thora–Rolle in Ulm gesammelt und wir freuen uns natürlich für die jüdischen Mitbürger, dass die Thora nun in der neuen Synagoge eine Heimat gefunden hat. Wir hoffen, dass diese dritte Synagoge in Baden-Württemberg ein weiterer Schritt hin zur Normalisierung ist. Und dass der interreligiöse Dialog zwischen Christen, Juden und Muslimen neue Impulse erhält.

K.B: Wie würden Sie persönlich das aktuelle Verhältnis zwischen Juden und Nicht-Juden in Deutschland charakterisieren?
Tränkle: Durchaus zwiespältig. Neueste Umfragen haben ergeben, dass ca. 60 % der Deutschen dem Gedicht von Günter Grass zustimmen, in dem Israel als gefährlicher Staat gebrandmarkt wird, der einen Atomkrieg provoziert – und nicht etwa der Iran.
Ebenso in der jüngsten Diskussion über die Beschneidung. Hier waren es auch knapp zwei Drittel, die die Beschneidung als Körperverletzung verboten haben wollen, ohne zu berücksichtigen, welch integralen Bestandteil dieses Ritual für die jüdische Religion darstellt.

K.B.: Muss man in diesem Zusammenhang schon von einem neuen Antisemitismus sprechen?
Tränkle: Sicher nicht in dem Sinne des Rassismus. Allerdings muss man schon den Eindruck bekommen, dass es Antisemitismus nicht nur bei Rechtsradikalen gibt. Dass er sich oft als Israel-Feindschaft maskiert. Denken Sie beispielsweise an die ständige und auch aktuell wieder aufflammende Diskussion über die israelische Siedlungspolitik, wo Israel einseitig als expansionistischer Aggressor und die Palästinenser ebenso einseitig als gutwillige, aber schwache Opfer dargestellt werden.

K.B: Das ist ein überaus komplexes Thema, das unseren Rahmen allerdings sprengen würde. Wir sollten darüber aber nicht den religiösen Aspekt vergessen.
Tränkle: Auch hier gilt es, Missverständnisse und Vorurteile auszuräumen. Von extremen Positionen, die es überall gibt, abgesehen, ist die jüdische Religion keineswegs einem grimmigen alttestamentarischen Rächergott verpflichtet. Vielmehr ist es gerade die Aufgabe der Thora-Gelehrten und Rabbiner, die religiösen Schriften der Juden immer wieder neu zu interpretieren, sie den Gegebenheiten und Zeitläufen entsprechend auszulegen und anzuwenden.
Es ist auch Aufgabe unserer „Deutsch-Israelischen Gesellschaft“ den Dialog zu fördern, ein Bild vom modernen, aufgeklärten Judentum zu vermitteln und dem bedrohten Staat Israel solidarisch zur Seite zu stehen.

K.B.: Herr Tränkle, wir möchten uns ganz herzlich bei Ihnen für dieses Gespräch bedanken.